Homöopathie in Indien: Buddha und Ganesha schauen zu

Die Idee, nach Indien zu gehen, hatte ich schon im Januar 2007. Zu dieser Zeit verlagerte mein damaliger Arbeitgeber, ein global agierender Kommunikationsanbieter, einige Arbeitsplätze von München nach Pune (wird auch Poona genannt) in Indien, um Kosten zu sparen. Pune fand ich sehr attraktiv, da es in der Nähe von Mumbai liegt, wo meiner Meinung nach die besten Homöopathen in der Gruppe von Dr. Rajan Sankaran arbeiten. Ich arbeitete damals als Ingenieurin und Projekt-Managerin und erkundigte mich bei meinem Chef, ob ich in Pune für meine Firma ein paar Monate arbeiten könnte. Er meinte, dass dies nur möglich sei, wenn ich in Deutschland kündige. Gekündigt habe ich dann, allerdings nicht, um in Pune als Ingenieurin zu arbeiten, sondern um mich vollkommen meinem zweiten Standbein als Heilpraktikerin der Homöopathie zu widmen. Der Wunsch nach Indien zu gehen, schlummerte seitdem tief in mir.

Im Sommer 2007 besuchte ich ein Seminar bei Dr. Mahesh Gandhi in Steinebach bei München. Dr. Gandhi arbeitet in der Gruppe von Dr. Sankaran in Mumbai. In der Pause fragte ich ihn, ob es möglich wäre, ein Praktikum bei ihm zu machen. Er gab mir die Mailadresse von Dr. Dinesh Chauhan, der auch in der Gruppe von Dr. Sankaran arbeitet. Dr. Chauhan ist 33 Jahre alt und praktiziert seit acht Jahren in seiner homöopathischen „Swasthya“-Praxis in Mumbai. Noch bevor ich eine Mail an Dr. Chauhan schrieb, kam bereits eine herzliche Einladung von ihm. Wir einigten uns darauf, dass ich ihm ab Ende November 2007 drei Wochen lang in seiner Praxis „über die Schultern“ schauen durfte. Seine Frau Dr. Urvi Chauhan, auch eine engagierte homöopathische Ärztin, besorgte mir eine für indische Verhältnisse sehr luxuriöse private Unterkunft in der Nähe der Praxis.

Um mich an das indische Englisch zu gewöhnen und auch um Land und Leute etwas kennen zu lernen, flog ich bereits zehn Tage vor meinem Praktikum nach Delhi, der Hauptstadt Indiens. Im spirituellen Indien gibt es viele unterschiedliche Religionen. Der Großteil der Bevölkerung gehört dem hinduistischen Glauben (82 %) an. Der Islam macht 11 % der Bevölkerung aus; Sikhs (2 %), Buddhisten (1 %) und Jains (0,5 %) sind in der Minderheit. Die Christen (2,5 %) sind vor allem im Süden des Subkontinents vertreten. Dazu gibt es 200 000 Parsen und 12000 Juden.

Im Straßenbild sind die Tempel mit den vielen Göttern der Hindus allgegenwärtig. Indien ist extrem überbevölkert. Man kommt auf den Straßen nur langsam vorwärts, weil so viele Menschen, Rikschas, Taxis und Autos unterwegs sind. In Indien sind die Züge teilweise so voll, dass Reisende an Haltestellen, wo sie aussteigen wollen, nicht raus kommen, oder sie werden an Haltestellen rausgeschoben, wo sie gar nicht aussteigen wollen.

Eine Zwei-Zimmer-Wohnung ist für eine indische Großfamilie großer Luxus, wenn man bedenkt, dass viele Inder einfach auf der Straße hausen. Da es in Indien keine Festpreise gibt, verlangen Händler oder Taxifahrer von Touristen oft mehr als den zehnfachen Preis, und man muss aufpassen, dass man nicht übers Ohr gehauen wird.

Auf Indiens Straßen sah ich leprakranke Bettler neben prächtig geschmückten Männern, Frauen und Pferden einer Hochzeitszeremonie. Indien ist wirklich ein Land der Gegensätze und Extreme. Mit dem Zug machte ich einen Tagesausflug nach Agra und besichtigte dort das fantastisch schöne Taj Mahal, das zu den sieben Weltwundern gehört. Wenn man in Indien ist, muss man das Taj Mahal unbedingt anschauen!

Nach zehn Tagen Delhi flog ich mit dem Flugzeug nach Mumbai. Mumbai, früher hieß es Bombay, liegt etwa 1200 km südwestlich von Delhi an der Küste des Arabischen Meeres im Westen Indiens und ist die Hauptstadt des indischen Unionsstaates Maharashtra. Die 13-Millionen-Metropole, sie ist angeblich die dichtest bevölkerte Stadt der Welt, befindet sich auf etwa 20 ° nördlicher Breite und hat tropisches Klima. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt etwa 27 Grad Celsius. Die Temperaturen sind wegen der Nähe zum Meer ausgeglichen und unterliegen keinen großen Schwankungen. Der Monsun dauert normalerweise von Anfang Juni bis Ende September. Im Gegensatz zu Delhi, wo die Sonne durch Smog verdeckt ist, konnte ich in Mumbai die Sonne klar sehen.

 Elefantengott GaneshaDie Praxis von Dr. Dinesh Chauhan liegt im Norden Mumbais im Stadtteil Santacruz. Da der Wohnraum in indischen Großstädten sehr teuer ist, besteht die Praxis nur aus einem kleinen Wartezimmer, einem kleinen Behandlungsraum und einem kleinen Raum, in dem die Patientenkarteien und die homöopathischen Arzneien untergebracht sind. Eine Bronzefigur von Lord Buddha auf dem Tisch und ein Bild des beliebten elefantenköpfigen Lord Ganesha an der Wand sorgen für „Good Vibrations“.

Dr. Chauhan teilt sich die Praxisräume mit seiner Schwester, die Augenärztin ist, und er praktiziert dreimal in der Woche. Er hat drei Assistentinnen, die alle bereits einen Abschluss an einem homöopathischen College in Mumbai haben.

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Hintere Reihe: Assistentin Dr. Kunjal, Katrin Bihlmayer, Dr. Urvi Chauhan

Vordere Reihe: Assistentin Dr. Jui, Assistentin Dr. Sumegha und Dr. Dinesh Chauhan

In Indien können Medizinstudenten von Anfang an zwischen Homöopathie und Allopathie wählen. Wenn sie sich für die Homöopathie entscheiden, sind sie üblicherweise nach fünfeinhalb Jahren homöopathischer Arzt oder homöopathische Ärztin und machen dann einige Monate oder Jahre Assistenz bei erfahrenen homöopathischen Ärzten.

Mein Praktikum sah so aus, dass ich dienstags, donnerstags und samstags den ganzen Tag bei den Anamnesen und Follow Ups von Dr. Chauhan dabei war. Sonntags hatte ich Einzelunterricht bei ihm, und wir analysierten Video-Anamnesen.

Bei Dr. Chauhan ist das Ziel der Anamnese, den Patienten von einer Ebene zur nächsten Ebene zu führen, bis der Patient Ebene 5 der globalen Empfindung erreicht hat. Für diese globale Empfindung wird dann dem Patienten ein passendes Similimum verschrieben.

5. Globale Empfindung

4. Ebene Wahnidee

3. Ebene Emotionen

2. Ebene Fakten der Krankheit

1. Ebene Name der Krankheit, Diagnose

Dr. Chauhan vergleicht seine Anamnese mit der Jagd eines Greifvogels: Der Vogel sucht zunächst in der Luft aus großer Höhe den Boden ab, und wenn er ein Beutetier erspäht hat, dann stürzt er sich an der richtigen Stelle in die Tiefe und ergreift die Beute.

Dementsprechend sucht Dr. Chauhan zunächst nach dem Fokus beim Patienten. Der Fokus ist die „Eingangstüre“, an der Dr. Chauhan einsteigt um weiter in die Tiefe zu gehen. Um den Fokus des Patienten zu finden, achtet er auf Themen und Wörter, die der Patient immer wieder erwähnt. Was erzählt der Patient, was erst mal keinen Sinn ergibt? Gibt es Gesten, die der Patient immer wieder macht? Bei welchen Themen verändert sich die Energie des Patienten?

Die Anamnese teilt er in drei Teile auf, einem passiven Teil und zwei aktiven Teilen.

Passiver Teil

Um den Fokus des Patienten zu finden, stellt Dr. Chauhan zunächst offene, allgemeine Fragen, wie zum Beispiel: „Erzählen Sie mir mehr darüber!“ oder er fordert auf, weiterzuerzählen: „Und sonst?“

Die meisten Patienten erzählen zunächst von ihrer Krankheit, welche Diagnose gestellt wurde (Ebene 1), welche Untersuchungen gemacht wurden, und was das Ergebnis der Untersuchungen war (Ebene 2). Es gibt auch Patienten, die von ihren Emotionen in Verbindung mit ihren Beschwerden reden (Ebene 3) oder die mit ihrer Krankheit ein imaginäres Bild verbinden (Ebene 4). Dr. Chauhan achtet darauf, auf welcher Ebene sich der Patient hauptsächlich befindet. Diese Ebene ist dann im aktiven Teil 2 die Ausgangsbasis, um auf Ebene 5 der Empfindung zu gelangen.

Aktiver Teil 1

Wenn der Fokus im passiven Teil noch nicht klar geworden ist, dann versucht Dr. Chauhan den Fokus durch weitere Fragen zu finden.

Er stellt dabei zum Beispiel offene Fragen zu Ängsten, Träumen oder Hobbys des Patienten.

Aktiver Teil 2

Sobald der Fokus klar ist, wird Dr. Chauhan noch aktiver und stellt Fragen zu diesem Fokus. Es kann dabei vorkommen, dass Dr. Chauhan immer wieder dieselbe Frage stellt oder diese Frage leicht abändert. Der Patient beschreibt diesen Focus mit anderen Worten oder erklärt den Fokus anhand von Beispielen. Dr. Chauhan ermuntert den Patienten auch weiterzugehen: „Das machen Sie sehr gut. Ich versuche Sie noch besser zu verstehen. Machen Sie weiter“. Wenn der Patient abschweift, holt ihn Dr. Chauhan wieder zurück. „Die Umstände habe ich verstanden, mich interessiert nun, was Sie dabei innerlich erleben.“ Durch geschickte Fragestellung kann der Patient von einer Ebene zur nächsten Ebene gehen und dabei immer mehr zu sich selbst kommen, bis er Ebene 5, seine Empfindung, erreicht hat.

Wenn die Empfindung erreicht wurde, dann versucht Dr. Chauhan diese in ein oder zwei anderen Bereichen, zum Beispiel in einem Hobby des Patienten, zu bestätigen. Er lenkt den Patienten dann wieder Schritt für Schritt zur Empfindung, die sich im Bereich des Hobbys zeigt. Wenn die gleiche Empfindung in zwei oder drei unterschiedlichen nicht in Beziehung zueinander stehenden Bereichen auftaucht, dann kann Dr. Chauhan ziemlich sicher sein, dass er die globale Empfindung gefunden hat. Damit ist die Anamnese abgeschlossen.

Indien ist ein sehr kinderfreundliches und kinderreiches Land und Dr. Chauhan behandelt in seiner Praxis etwa 60 % Kinder. Die Anamnesen mit den Kindern waren für mich sehr spannend. Dabei beobachtete Dr. Chauhan das Verhalten der Kinder sehr genau.Auf seinem Tisch lagen immer Malstifte und Papier bereit, und viele Kinder malten spontan Bilder, mit denen der Einstieg zur Ebene der Empfindung möglich war. Wenn möglich, schickte Dr. Chauhan die Eltern der Kinder ins Wartezimmer, damit er in Ruhe mit den Kindern in Kontakt treten konnte. Im Umgang mit den Kindern zeigte er selbst ein sehr kindliches Verhalten, und damit gewann er das Vertrauen der Kinder. Kinder, die anfangs große Angst hatten, tauten so langsam auf und zeigten mehr und mehr ihre eigene innere Welt.

Obwohl die meisten Patienten Englisch sprachen, musste ich mich sehr konzentrieren, um ihr stark indisch gefärbtes Englisch zu verstehen. Außerdem verwendeten sie zwischendurch Wörter oder Sätze in Hindi, um sich besser auszudrücken. Ab und zu erkannte ich nicht einmal, ob sie nun Hindi oder Englisch redeten. Zum Glück saß immer eine Assistentin neben mir, die die gesamte Anamnese Wort für Wort in Englisch aufschrieb, und damit konnte ich die für mich nicht verständlichen Passagen später nachlesen.

Nach jeder Erstanamnese machten wir gemeinsam die Fallanalyse. Wir analysierten den Aufbau der Anamnese mit passiven und aktiven Anteilen, dem Fokus des Patienten und welche Fragen den Patienten zur nächsten Ebene geführt hatten. Danach wählten wir die Arznei mit genauer Begründung von Kingdom, Subkingdom, Miasma und Potenz. Es kam öfters vor, dass alles, was der Patient gesagt hatte, mit der gewählten homöopathischen Arznei einen Sinn ergab. Wir waren dann alle gut gelaunt, und manchmal fing Dr. Chauhan vor Freude sogar an zu tanzen.

Nach drei Wochen Mumbai und insgesamt knapp fünf Wochen Indien flog ich mit vielen Eindrücken, Erfahrungen und Erkenntnissen wieder zurück nach München. In Deutschland dauerte es über eine Woche, bis ich mich wieder eingelebt hatte. Ich sah Deutschland mit ganz anderen Augen: Wie selbstverständlich kommt hier sauberes, heißes oder kaltes Wasser aus den Wasserleitungen! Wie sauber sind in Deutschland sogar öffentliche Plätze, öffentliche Verkehrsmittel und Straßen! Wie ruhig ist es in den deutschen Städten im Gegensatz zu den indischen Großstädten, in denen der Straßenlärm mit lautem Hupen Tag und Nacht anhält! Wie viel Platz haben wir doch in Deutschland sowohl auf der Straße zum Gehen als auch in unseren Wohnungen, um zu leben!

Ich habe in Indien nicht nur Homöopathie gelernt, sondern auch viel Lebenserfahrung gewonnen. Wenn man sich an Dreck, Lärm und Menschenmassen gewöhnt hat, sich den Leuten öffnet und sich auf ihre Kultur einlässt, dann zeigt sich Indien von seiner schönen Seite.

Die Reise hat sich für mich auf alle Fälle gelohnt.

 

 

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